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Am 9. Januar 1993, auf den Tag genau 70
Jahre nachdem der spanische Pilot Gomez Spencer zum ersten Mal in der
Geschichte der Luftfahrt mit dem von Juan de la Cierva konstruierten
Trag-schrauber in die Luft stieg, machte ich auf dem Flugplatz
Birrfeld mit meinem selbstgebauten Gyro-copter HB-YFM den Erstflug.
700 Stunden in der Werkstatt und
mindestens noch einmal so viele Stunden am heimischen Personalcomputer
zur Erstellung der geforderten Dokumentation, ein halbes Dutzend
Amerika-reisen und hunderte von Briefen waren notwendig, bis ein Traum
in Erfüllung ging. Und es brauchte ganze 12 Jahre von der ersten Idee
bis zum erfolgreichen Erstflug.
Was ist eigentlich ein Tragschrauber ?
Etwas salopp ausgedrückt könnte man sagen:
" Wenn man für eine Nacht einen männlichen Helikopter und ein
weibliches einmotoriges Kleinflugzeug in einen Hangar sperrt, muss man
sich nicht wundern, dass, wenn man am nächsten Morgen die Hangartore
öffnet, man auch noch einen kleinen Tragschrauber vorfindet."
Der Tragschrauber ist also eine Mischung
zwischen Helikopter und Flugzeug. Er ist aber zugleich wie etwa ein
Luftschiff, ein Ballon, ein Flächenflugzeug oder ein Helikopter, ein
eigener Flugzeugtypus. Während der deutsche Fachausdruck Tragschrauber
lautet, nannte der spanische Erfinder sein Luftfahrzeug Autogiro. Der
englische Fachterminus lautet Gyroplane und die Selbstbauer nennen
ihre Geräte Gyrocopter. Und doch meinen sie alle das gleiche: Ein
Luftfahrzeug, dass einen nicht angetriebenen Rotor besitzt, welches
dem Apparat den zum Fliegen notwendigen Auftrieb liefert, und das
einen Motor mit Propeller für den notwendigen Vortrieb braucht. Da der
Rotor nicht durch irgendwelche Motorenkräfte, sondern nur vom
Fahrtwind angetrieben wird, spricht man in Amerika manchmal auch von
einem "Windmill Plane", also einem Windmühlen-Flugzeug. Der
Tragschrauber hat wie jeder Flugzeugtyp seine ihm eigenen, speziellen
Fähigkeiten und Eigenschaften.Er braucht nur einen sehr kurzen Anlauf
um in die Luft zu kommen (weniger als 50 Meter), kann sehr langsam
fliegen ohne dass die Sicherheit darunter leidet ( ca. 25 Km/h), ist
in der Luft sehr wendig und kann auf einem Punkt landen. Es ist aber
auch möglich seitwärts, ja sogar rückwärts zu fliegen. Nur in der Luft
zu schweben und senkrecht zu starten ist ihm verwehrt, da ja die
Rotorblätter nicht angetrieben werden, sondern von der Luft angeströmt
werden müssen.
Warum gerade einen Tragschrauber ?
Der amerikanische Pilot und Schriftsteller
Richard Bach hat sich in seinem Buch "Brücke über die Zeit" die Frage
gestellt, was uns Menschen an Flugzeugen und Schiffen so fasziniert.
"Wie kommt es, dass so viele Piloten
gleichzeitig auch einen Hang zu Booten haben ? Flugzeuge verfügen über
die Freiheit im Raum, Segelboote über die Freiheit in der Zeit."
Wie müsste es dann erst sein, wenn man auf
einwenig Freiheit im Raum, sprich Geschwindigkeit, verzichten würde
und dafür mit einem grossen Benzintank etwas an Freiheit in der Zeit
gewinnen würde?
Wer je in der Schweiz ein Privatflugzeug
gesteuert hat, wird mir sicher zustimmen, dass wir in einem
wunderschönen Land leben und dass es gerade aus der Luft so viel
Schönes zu schauen gibt. Da macht uns das Flugzeug, systembedingt,
einen Strich durch die Rechnung. Ein Flugzeug braucht immer eine
gewisse Mindestgeschwindigkeit um überhaupt in der Luft zu bleiben.
Die Geschwindigkeit aber, und die Zeit die wir brauchen um etwas zu
betrachten, stehen sich diametral entgegen. Verringert der Pilot die
Fluggeschwindigkeit, um zum Beispiel über eine Burgruine zu kreisen,
die er betrachten möchte, so begibt er sich in einen Bereich, in dem
seine ganze Konzentration dem Fliegen gelten muss, will er nicht wegen
Geschwindigkeitsunterschreitung am Boden zerschellen. Auch braucht das
Kleinflugzeug, bedingt durch die Geschwindigkeit, einen grossen Raum
um sicher zu manövrieren.
All diese Komplikationen sind dem Piloten
eines Tragschraubers fremd. Er kann gefahrlos die Fluggeschwindigkeit
auf das Tempo eines Fahrradfahrers reduzieren, welches ihm ohne Risiko
erlaubt, sich der Betrachtung hinzugeben.
Einmal vom Boden abgehoben, ist dem
Tragschrauberpiloten alle Hektik fremd. Es gibt keine komplexen
technischen Systeme zu überwachen und die vergleichsweise geringe
Geschwindigkeit verlangt vom Piloten nicht, weit vorauszudenken. Die
nötigen Steuerbewegungen sind minim und die ungehinderte Rundumsicht
lässt den Flug zum ungetrübten visuellen Erlebnis werden.

Der Tragschrauber in der Schweiz
Interessant ist, dass es den Tragschrauber
in der Schweiz gar nicht gibt. Rein rechtlich gesehen. Die
schweizerische Luftfahrtgesetzgebung kennt den Tragschrauber gar
nicht. Es gibt also keine Vorschriften und Richtlinien für
Tragschrauber und deren Piloten. Wohl gab es bereits in den siebziger
Jahren drei verschiedene Projekte in der Schweiz, die aber leider
schon nach kurzer Zeit zu einem unrühmlichen Ende kamen. Es waren
nicht die Gyrocopter von Dr. Benson (ca. 15'000 verkaufte
Gyrocopter-Kits weltweit) die einen Erfolg verhinderten, sondern die
Piloten, die sich ohne spezifische Tragschrauberausbildung ans Steuer
ihrer Maschinen wagten. In mindestens einem Fall endete dieses
Unterfangen fatal.
Da der Tragschrauber als eigener
Luftfahrzeugtyp angesehen werden muss, ist eine umfassende
theoretische und praktische Schulung absolut notwendig. Der
Tragschrauber ist wohl sehr einfach zu fliegen und vom System her sehr
sicher, aber er ist auch *anders* als alle anderen Luftfahrzeuge. Er
hat seine ihm eigenen Möglichkeiten, aber auch seine spezifischen
Limits. Und um diese kennenzulernen ist eine solide Ausbildung
unumgänglich.
Ich beschäftige mich nunmehr seit rund 12
Jahren mit dem Tragschrauber. Ich habe je eine Gyrocopterschulung in
Italien und in den USA absolviert. Nach dem Studium sämtlicher
verfügbarer Literatur in deutscher und englische Sprache, nach
verschiedenen Reisen in die Vereinigten Staaten, nach Besuchen bei
diversen Gyrocopterherstellern und bei Vertretern der "Popular
Rotorcraft Association" (amerikanischer Verband der
Gyroplane-Piloten), hatte ich mich entschlossen, einen erneuten
Versuch zu wagen und einen Tragschrauber in der Schweiz zu bauen.
Mit den vorgängig beschriebenen
Erfahrungen mit Tragschraubern, war man beim Bundesamt für
Zivilluftfahrt diesem Projekt gegenüber zuerst mehr als nur reserviert
. Mehrere Sitzungen in Bern mit den zuständigen Beamten und ein
umfangreicher Schriftverkehr waren nötig, bis mir das nötige Vertrauen
entgegengebracht wurde und ich die Erlaubnis zum Bau erhielt.
Während in den USA 99,9% aller
Tragschrauber mit Zweitaktmotoren fliegen, war mir von Anfang an klar,
dass ich meinen Gyrocopter nur mit einem umweltfreundlichen und
vergleichsweisen leisen Viertaktmotor bauen würde. Mit dem Subaru
EA81, einem vierzylindrigen Boxermotor mit 1800 ccm Hubraum, habe ich
einen zuverlässigen und sparsamen Automobilmotor mit einem guten
Gewichts/ Leistungsverhältnis gefunden.
Der Gyrocopter HB-YFM basiert ursprünglich
auf einem amerikanischen Bausatz. Davon sind lediglich ca. 20 % der
Originalteile übriggeblieben. Wie mit amerikanischen Kits üblich, war
es am schwierigsten, die für das BAZL notwendige Dokumentation
aufzutreiben. Einige Mühe bereitete mir auch das amerikanische Motto
"alles was seinen Zweck erfüllt ist auch gut für ein Flugzeug" und so
mussten verschiedene "Mickey-Mouse Teile" gegen solche ausgetauscht
werden, die den internationalen Bauvorschriften für Luftfahrzeuge
entsprechen. Heute, nach rund 700 Stunden Bauzeit, ist dieser
Tragschrauber vom BAZL abgenommen und ...... er fliegt.
Die Zukunft
Die Erlaubnis zum Bau sowie die
Anerkennung meiner ausländischen Gyroplane-Ausbildung beruht auf
Ausnahmegenehmigungen. Das BAZL erteilt momentan keine weiteren
Baugenehmigungen für Tragschrauber, bis nicht die Erfahrungen
vorliegen, die sich während mindestens einem Jahr Flugbetrieb
akkumulieren.
Zuerst muss die Flugerprobung erfolgreich
abgeschlossen werden und erst dann können weitere Flugstunden einen
gewissen Erfahrungsschatz bilden, welcher möglicherweise bei späteren
Tragschrauberprojekten berücksichtigt wird. Bis dahin aber ist der
Tragschrauber HB-YFM ein noch ungewohnter Vogel am Schweizer Himmel.

Nach dem Erstflug; noch unverkleidet
Technische Beschreibung
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Selbstbau-Tragschrauber (Gyrocopter) |
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Wassergekühlter Vierzylinder-Boxermotor SUBARU EA81 mit
1800 ccm Hubraum und 80 PS |
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| Rotordurchmesser: |
7.57 m |
| Länge: |
3.35 m |
| Höhe: |
2.42 m |
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| Leergewicht: |
254 kg |
| maximales Startgewicht: |
495 kg |
| Nutzlast: |
241 kg |
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| Maximalgeschwindigkeit: |
ca. 140 km/h |
| Reisegeschwindigkeit: |
ca. 110 km/h |
| Minimalgeschwindigkeit: |
ca. 25 km/h |
| Dienstgipfelhöhe: |
ca. 3000 m |
| Reichweite: |
ca. 550 km |
| Maximale Flugdauer: |
ca. 6 h |
| Startrollstrecke: |
ca. 50 m |
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| Platzzahl: |
1 |
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| Erstflug: |
9. Januar 1993 |
Author: Kurt Zumbühl, Februar 1993
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