Fliegergeschichten


Brief von einem gottesfürchtigen Mann
von Richard Bach

Ich kann nicht länger schweigen. Irgend jemand muss euch Fliegern einmal sagen, wie ihr uns auf die Nerven geht mit eurem ewigen Gerede übers Fliegen, wie wunderschön das Fliegen ist und ob wir am Sonntagnachmittag nicht rauskommen und mit euch einen kleinen Flug machen wollen, nur um zu sehen, wie das ist.

Irgend jemand muss euch sagen: Nein, wir werden weder am Sonntag noch an sonst einem Tag rauskommen, um in einer eurer gefährlichen kleinen Kisten in die Luft zu steigen. Die Antwort ist nein, wir sind nicht der Meinung, dass das Fliegen etwas so Herrliches ist. Was uns betrifft, so finden wir, es wäre um die Welt viel besser bestellt, wenn die Gebrüder Wright ihre verrückten Gleiter auf eine Müllhalde geworfen und nie nach Kitty Hawk gekommen wären.

Ein bisschen Begeisterung ist ja schön und gut - wir sehen es jedem nach, wenn er eine Sache anfängt, die er grossartig findet, und sich davon hinreissen lässt. Aber dieser pausenlose Missionseifer. Ihr scheint zu glauben es hat etwas Heiliges an sich, wenn man durch die Luft kurvt, aber ihr habt ja alle keine Ahnung, wie kindisch uns anderen das vorkommt, uns, die noch ein Gefühl von Verantwortung für unsere Familien und Mitmenschen haben.

Ich würde das nicht schreiben, wenn die Situation besser würde. Aber sie verschlimmert sich immer mehr. Ich arbeite in einer Seifenfabrik, wo ich einen guten Job habe, mit einer guten Gewerkschaft und meiner Firmenpension. Die Kollegen waren früher anständige Männer mit Verantwortungsgefühl, nun aber hat von uns sechs in der Tagesschicht fünf dieser Flugwahn gepackt. Ich bin der einzige, der noch normal ist. Paul Weaver und Jerry Marcus haben vor einer Woche gekündigt, zur gleichen Zeit. Sie wollen eine Firma aufmachen, wo sie Reklameflüge machen.

Ich habe ihnen zugeredet, ich habe mich mit ihnen gestritten, ich habe ihnen die finanzielle Situation vorgehalten - Lohn, Beförderung, Gewerkschaft, Pensionierung -, aber es war als ob ich gegen eine Wand redete. Sie wussten, dass sie Geld verlieren würden ("zunächst", haben sie gesagt, "Bis ihr pleite seid" hab ich geantwortet). Aber sie waren so aufs Fliegen versessen, dass es für sie Grund genug war, ihre Arbeit in der Seifenfabrik einfach hinzuwerfen .....dabei waren sie schon fünfzehn Jahre hier!

Als Erklärung hab ich von ihnen nur zu hören bekommen, dass sie fliegen wollen, und einen so komischen Blick in dem zu lesen stand, dass ich sie doch nicht verstehen würde.

Allerdings verstehe ich sie nicht. Wir waren ein Herz und eine Seele, die besten Freunde, bis diese Sache mit dem Fliegen daherkam - ein "Fliegerklub" oder so was ähnliches - und die Leute in der Fabrik wie die Pest gepackt hat. Am gleichen Tag, als Paul und Terry in den "Fliegerklub" eintraten, sind sie aus dem Bowling-Verein rausgegangen. Seitdem haben sie sich nicht wieder sehen lassen, und jetzt erwarte ich auch nicht mehr, dass sie wiederkommen.

Gestern nahm ich mir die Zeit, im Regen zu dem elenden kleinen Grasstreifen rauszufahren, den sie einen Flugplatz nennen, und mal ein Wörtchen mit dem Burschen zu reden, der den "Fliegerklub" führt. Ich wollte ihn aufklären, dass er in unserem Städtchen Unruhe in Familien und Betriebe bringt und dass er, wenn er nur einen Funken Verantwortungsgefühl hat, gefälligst von hier abhauen soll. Dort ist das Wort "Missionar" gefallen, und ich wiederhole es hier keineswegs wohlwollend. Missionar des Teufels, das ist er für mich, nachdem, was er angerichtet hat.

Er war in einem grossen Schuppen und arbeitete gerade an einem der Flugzeuge.

"Vielleicht wissen Sie nicht, was Sie hier anrichten", sagte ich, "aber seit Sie in der Stadt sind und Ihren "Fliegerklub" aufgezogen haben, haben Sie das Leben von mehr Menschen, als ich jetzt nennen will, total verändert."

Schätzungsweise eine Minute lang bemerkte er nicht, wie aufgebracht ich war, denn er sagte: " Von mir stammt nur die Idee. Sie haben selbst gemerkt, wie das Fliegen ist." Fast so als wäre es eine Ruhmestat, so viele Menschen zugrunde gerichtet zu haben. Er wirkte ungefähr wie vierzig, aber ich wette, er ist älter, und er hat seine Arbeit nicht unterbrochen um sich mit mir zu unterhalten. Das Flugzeug, mit dem er beschäftigt war, war aus Stoff gemacht, aus einfachem, altem, dünnen Stoff, mit Farbe darüber, damit es nach Metall aussieht. 

"Mister, betreiben Sie hier ein Geschäft", sagte ich schneidend, "oder so was wie eine Kirche? Da laufen jetzt die Leute herum und freuen sich auf den Sonntag hier, wie sie sich nie auf den Sonntag in der Kirche gefreut haben. Da reden jetzt Leute davon, dass sie "Gott nahe" sind, von denen ich noch nie das Wort "Gott" gehört habe, solange ich sie kenne, und die meisten kenne ich seit ihrer Kindheit."

Endlich schien ihm zu dämmern, dass ich nicht gut auf ihn zu sprechen war, dass ich es für besser hielt, wenn er sich verzog. "Wenn Sie wollen, entschuldige ich mich für Sie," sagte er. Ich konnte ihn kaum verstehen. Er renkte sich unter das Armaturenbrett dieses kleinen Flugzeugs hoch und begann ein Zifferblatt loszuschrauben. "Manche der neuen Schüler lassen sich vielleicht ein bisschen fortreissen. Braucht manchmal eine Zeitlang, bis sie lernen, nicht laut auszusprechen, was sie denken. Aber sie haben natürlich auch recht. Es hat viel von einer Religion, das Fliegen." Er kroch heraus und stöberte in seinem Werkzeugkasten nach einem anderen Schraubenzieher, mit einem kleineren Griff. Und dabei lächelte er mir zu, mit einem unverschämten, vertraulichen Lächeln, das mir klar zu verstehen gab, dass er nicht abhauen werde, nur weil verantwortlich denkende Menschen ihn dazu auffordern. "Das macht mich wohl zu einem Missionar."

"Jetzt reicht's aber," sagte ich. "Jetzt hab ich genug von dem Gequatsche, dass einen das Fliegen Gott nahebringt. Haben Sie vielleicht Gott schon mal auf seinem Thron gesehen, Mister? Haben Sie vielleicht schon mal Engel um dieses billige Spielzeug von Flugzeug fliegen sehen?" Ich fragte ihn so scharf, um ihn aufzurütteln, um ihm seine Arroganz auszutreiben.

"Nee," sagte er. "Nie was von Gott auf seinem Thron oder von den Engeln mit weissen Flügeln gesehn. Auch nie von Piloten gehört, dass sie so was gesehn hätten." Er war wieder unter das Armaturenbrett getaucht. "Wenn Sie irgendwann Zeit haben, mein Freund, kann ich Ihnen erzählen, warum die Leute von Gott reden, wenn sie mit Fliegen angefangen haben."

Er war mir in die Falle gegangen, ganz von selbst. Jetzt würde ich ihn weiterreden lassen und ihn nur aushorchen, bis er nicht mehr zu sagen wusste als "tja" und "äh" und ein leeres Gestotter, was beweisen würde, dass er zum Prediger so wenig taugte wie als Arbeiter in einer Seifenfabrik.

"Machen Sie nur zu, Mister Fly-Boy", sagte ich. "Gleich jetzt. Ich bin ganz Ohr." Ich behielt für mich, dass ich in den letzten dreissig Jahren bei jeder Erweckungsversammlung dabeigewesen war und dass ich von Gott und der Bibel mehr wusste, als er mit seinen angeberhaften Flugzeugen in tausend Jahren lernen würde. Ja, er tat mir sogar etwas leid, weil er nicht wusste mit wem er sprach. Aber er hatte es sich mit seinem "Fliegerklub" schliesslich selbst zuzuschreiben.

"Also gut", sagte er, "definieren wir mal kurz wovon wir sprechen. Statt *Gott* sagen wir mal zum Beispiel *Himmel*. Nun ist der Himmel zwar nicht Gott, aber für die Menschen, die das Fliegen lieben, kann er ein Symbol für Gott sein, und er ist ja kein so schlechtes Symbol, wenn man es sich überlegt.

Wenn man ein Pilot ist, ist einem der Himmel sehr nahe. Der Himmel ist immer über einem...er kann nicht begraben, weggeschaft, angekettet, in die Luft gesprengt werden. Der Himmel ist einfach da, ob wir ihn lieben oder hassen. Er ist da; ruhig, gross und immer da. Wenn man ihn nicht begreift, ist er ein grosses Geheimnis, nicht? Er bewegt sich immerfort und verschwindet doch nie. Er nimmt nichts zur Kenntnis ausser sich selbst." Er zog das Zifferblatt heraus, sprach aber weiter, ohne besondere Eile.

"Der Himmel war immer da, wird immer da sein. Der Himmel versteht einen nicht falsch, ist nicht gekränkt, verlangt nicht, dass wir irgend etwas so oder so zu einer bestimmten Zeit tun. Damit ist er kein ganz schlechtes Symbol für Gott, oder?"

Es war, als unterhielt er sich mit sich selber, während er Drähte losmachte und das Zifferblatt herauslöste, alles sehr langsam und sorgfältig. "Es ist ein ziemlich armseliges Symbol", sagte ich, "weil Gott von uns verlangt ....."

"Warten Sie ab", sagte er, und ich hatte den Eindruck, dass er fast über mich lachte. "Gott verlangt nichts von uns, solange wir nichts von ihm verlangen. Aber sobald wir etwas über ihn erfahren wollen, werden uns Forderungen gestellt, stimmt's? Genauso ist es mit dem Himmel. Der Himmel verlangt erst dann etwas von uns, wenn wir ihn kennenlernen, wenn wir fliegen wollen. Dann aber sehen wir uns allen möglichen Forderungen und Gesetzen gegenüber, denen wir gehorchen müssen. Irgend jemand hat einmal gesagt, die Religion ist ein Weg die Wahrheit zu finden, und das ist keine schlechte Definition. Die Religion des Piloten ist das Fliegen....für ihn ist das Fliegen der Weg, den Himmel kennenzulernen. Und er muss den Gesetzen des Himmels gehorchen. Ich weiss nicht, was Sie die Gesetze Ihrer Religion nennen, aber die Gesetze unserer heissen *Aerodynamik*. Wenn man sie befolgt, mit ihnen arbeitet, dann kann man fliegen. Gehorcht man ihnen nicht, dann helfen einem weder viele Worte noch schönklingende Phrasen... man kommt niemals vom Boden weg."

Jetzt hatte ich ihn. "Und was ist mit dem Glauben, Mister Fly- Boy? Man muss doch einen Glauben haben ...."

"Lassen wir das. Das einzige was zählt, ist die Befolgung der Gesetze. Ja, man muss wohl genug Glauben haben, um es zu versuchen, aber *Glauben* ist nicht das richtige Wort. *Verlangen* ist besser. Der Wunsch, den Himmel kennenzulernen, muss stark genug sein, um die Gesetze der Aerodynamik zu erproben, um festzustellen, ob sie funktionieren. Wesentlich ist nur, dass man diesen Gesetzen gehorcht, nicht, ob man an sie glaubt oder nicht. Zum Beispiel gibt es ein Gesetz des Himmels, das sagt, wenn man mit diesem Flugzeug bei einem bestimmten Gewicht mit fünfundvierzig Meilen pro Stunde gegen den Wind rollt, wird es abheben. Es wird sich vom Erdboden erheben und in die Luft zu steigen beginnen. Es gibt eine Menge Gesetze, die danach ins Spiel kommen, aber dieses eine ist ein ziemlich fundamentales. Man muss nicht daran glauben. Man muss lediglich versuchen, die Maschine auf fünfundvierzig Meilen pro Stunde zu bringen, und dann kann man sich selbst überzeugen, was geschieht. Man kann es versuchen, sooft man will, und wird sehen, dass es jedesmal funktioniert. Den Gesetzen ist es gleichgültig, ob man an sie glaubt oder nicht. Sie funktionieren einfach, jedesmal.

Mit dem Glauben kommt man nirgendwohin, mit Wissen und Verstehen aber überallhin. Wenn man das Gesetz nicht versteht, wird man früher oder später dagegen verstossen, und wenn man gegen die Gesetze der Aerodynamik verstösst, ist man verdammt schnell vom Himmel weg, verlassen Sie sich drauf."

Er kam unter dem Armaturenbrett hervor und lächelte, als dächte er gerade an ein bestimmtes Beispiel. Aber er behielt es für sich.

"Nun, ein Verstoss gegen dieses Gesetz wäre für einen Piloten dasselbe, was Sie vielleicht eine Sünde* nennen würden. Sie können sogar Ihre Definition der Sünde als Verstoss gegen das Gesetz Gottes oder ähnlich formulieren. Aber soweit ich Ihre Auffassung von Sünde verstehe, handelt es sich um etwas Abscheuliches, das man nicht tun soll, aus Gründen, die Sie nicht genau verstehen. Beim Fliegen dagegen gibt es an der Sünde keinen Zweifel. Der Pilot ist sich darüber ganz im Klaren.

 Wenn man gegen die aerodynamischen Gesetze verstösst, wenn man versucht, mit einer Tragfläche, die bei fünfzehn Grad überzieht, einen Anstellwinkel von siebzehn Grad zu halten, fällt man in einem ganz schönen Tempo von Gottes Angesicht. Wenn man nicht bereut und sich alsbald mit der Aerodynamik versöhnt, muss man einiges Bussgeld zahlen - zum Beispiel eine saftige Rechnung für Flugzeugreparaturen -, bevor man sich wieder an den Himmel wagen kann. Beim Fliegen gewinnt man seine Freiheit nur, wenn man den Gesetzen des Himmels gehorcht. Wenn man keine Lust hat, ihnen zu gehorchen, bleibt man für den Rest seines Lebens an die Erde gekettet. Und das ist für einen Piloten das, was wir die *Hölle* nennen."

Die Löcher in der sogenannten Religion dieses Mannes waren so gross, dass man mit einem Lastwagen hätte durchfahren können.

"Sie haben", sagte ich, "lediglich die Worte der Kirche genommen und durch Ihre Fliegerwörter ersetzt! Sie haben nur..."

"Genau. Das Symbol des Himmels ist nicht ganz vollkommen, aber es ist viel, viel leichter zu begreifen als die Auslegung der Bibel, die uns die meisten Leute liefern. Wenn irgendein Pilot am obersten Punkt eines Loopings ins Trudeln kommt, wird niemand sagen, das war der Wille des Himmels. Daran ist nichts Geheimnisvolles. Der Pilot hat sich gegen die Regeln vergangen, er hat für das Gewicht auf seinen Tragflächen einen zu grossen Anstellwinkel versucht, und dann ging's runter mit ihm. Sie würden sagen, er hat gesündigt, aber wir finden daran nichts abstossendes, wir steinigen ihn deswegen nicht. Es war einfach eine kleine Dummheit, die zeigt, dass er über den Himmel noch einiges lernen muss.

Wenn der Pilot unten angekommen ist, reckt er nicht die Faust gegen den Himmel....er ist wütend über sich selbst, weil er die Regeln nicht befolgt hat. Er verlangt keine Vergünstigungen vom Himmel, er verbrennt ihm keinen Weihrauch. Er steigt wieder ins Flugzeug und er korrigiert seinen Fehler; er macht es richtig. Vielleicht ein bisschen mehr Geschwindigkeit, wenn er seinen Looping beginnt. Verzeihung erlangt er also erst, wenn er seinen Fehler korrigiert hat. Die Vergebung liegt für ihn darin, dass er sich nun im Einklang mit dem Himmel befindet und dass er fähig ist, einen schönen, einwandfreien Looping zu fliegen. Und das ist für einen Piloten der *Himmel*....im Einklang mit dem Himmel zu sein, seine Gesetze zu kennen und ihnen zu gehorchen."

Er nahm ein neues Zifferblatt von der Werkbank und kroch wieder in sein Flugzeug hinein.

"Sie könne so weit gehen, wie Sie wollen", sagte er. "Jemand, der die Gesetze des Himmels nicht kennt, würde es ein Wunder nennen, dass ein grosses, schweres Flugzeug sich wie von einer Zauberhand gezogen von der Erde erhebt, ohne dass es von Seilen oder Drähten hochgeschleppt wird. Aber das ist nur deswegen ein Wunder für den Betreffenden, weil er nichts vom Himmel weiss. Für den Piloten ist es kein Wunder.

Und wenn der Pilot eines Motorflugzeugs sieht, wie ein Segelflieger ohne jede eigene Antriebskraft Höhe gewinnt, sagt er nicht: *Das ist doch ein Wunder.* Er weiss, dass sich der Pilot des Segelflugzeugs sich sehr sorgfältig mit dem Himmel beschäftigt hat und jetzt seine Studien praktisch auswertet.

Sie werden es mir vielleicht nicht abnehmen, aber wir beten den Himmel nicht an, als wäre er etwas übernatürliches. Wir glauben nicht, dass wir Götzenbilder schaffen und ihnen lebende Opfer darbringen müssen. Wir glauben nur, dass es für uns notwendig ist, den Himmel zu verstehen, seine Gesetze zu kennen und zu wissen, wie sie auf uns wirken und wie wir zu einem besseren Einklang mit ihnen gelangen und dadurch unsere Freiheit finden können. Das schenkt uns die Freude am Fliegen, und deswegen sprechen die neuen Piloten, wenn sie wieder gelandet sind, davon, dass sie Gott nahe gewesen seien." Er befestigte die Drähte an dem neuen Zifferblatt und inspizierte sie sorgfältig.

"Wenn ein Flugschüler die Gesetze zu verstehen beginnt und sieht, dass sie bei ihm genauso wirken wie bei allen anderen Piloten, ist er beglückt. Und er freut sich auf den Flugplatz zu kommen, mit einer Vorfreude, wie sie vielleicht manche Pfarrer ihren Gemeindemitgliedern in Hinsicht auf den Gottesdienst wünschen würden .... die Vorfreude, etwas neues zu lernen, das einem Glück, Freiheit und die Loslösung von den irdischen Ketten schenkt. Kurz gesagt, der Pilot, der sich mit dem Himmel beschäftigt, lernt und ist glücklich, und für ihn ist jeder Tag Sonntag. Sollte so nicht auch jeder Kirchgänger empfinden?"

Endlich hatte ich ihn am Kragen. "Dann sagt also Ihre *Religion*, dass eure Piloten keine elenden Sünder sind, die schon bald in Hölle und Verdammnis, Feuer und Schwefel schmachten werden?"

Er lächelte wieder, schon wieder dieses unverschämte nachsichtige Lächeln, dass mir nicht einmal den Trost liess, dass er mich hasste.

"Nein, solange sie nicht aus einem Looping abtrudeln..."

Er war mit seiner Maschine fertig und schob sie aus dem Schuppen hinaus in die Sonne. Die Wolkendecke riss gerade auf.

"Für mich sind Sie ein Heide, wissen Sie das?" sagte ich, mit allem Hass in der Stimme, den ich aufbieten konnte, und hoffte dabei, ein Blitz vom Himmel würde ihn tot niederschmettern und damit sein Heidentum beweisen.

"Wissen Sie was", sagte er, "ich muss die Nadel des Wendezeigers überprüfen. Wollen Sie nicht einfach mitkommen? Wir fliegen einmal um den Platz herum, und Sie können selber entscheiden, ob wir Heiden sind oder Söhne Gottes."

Ich durchschaute ihn sofort...er wollte mich rausschubsen, wenn wir droben waren, oder auch in ein Luftloch reinfliegen und in seinem Hass auf mich, uns beide umbringen. "Oh nein, mein Bester. Sie werden mich in diesem Sarg nicht mit hinaufschleppen! Ich habe Sie mir vorgenommen. Sie sind ein Heide, und Sie werden in den Feuern der Hölle braten!"

Seine Antwort klang, als wäre sie mehr an sich selbst gerichtet, so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.

"Nicht, solange ich den Gesetzen gehorche", sagte er.

Er kletterte in sein kleines Stoffflugzeug und liess den Motor an. "Sind Sie sicher, dass Sie nicht mitwollen?" rief er heraus.

Ich würdigte ihn keiner Antwort, und so flog er alleine los.

Hört mir zu, ihr mit euren Flugzeugen und euren "Gesetzen der Aerodynamik", ihr, die ihr "den Himmel kennen" wollt. Wenn der Himmel Gott ist, dann ist er Geheimnis und göttlicher Zorn wird euch mit Blitzen und mit Kummer schlagen und euch mit Leiden heimsuchen für eure Lästerung. Kommt herunter aus dem Himmel, kommt wieder zu Sinnen und lockt uns nie mehr, an euren Sonntagnachmittagen zu euch zu kommen.

Der Sonntag ist ein heiliger Tag, vergesst das nicht.


Aus "Glück des Fliegens" von Richard Bach. Ein Ullstein Taschenbuch.
ISBN 3-548-20711-1 Preis: DM 9.80
Richard Bach ist übrigens auch der Author von "Die Möve Jonathan"