Fliegergeschichten


Der Berg ruft ... aus der Gletscherspalte !

Der Aletschgletscher

Ich hab mich mit zwei Freunden, Guido und Madelaine, auf dem Flugplatz für einen Alpenrundflug verabredet. Superwetter, und alles was Flügel hat ist in der Luft. Die Maschine, die ich für solche Unternehmungen sonst benutze, ist nicht verfügbar. Aber eine Piper Cherokee (4_plätzig, 1-motorig) ist noch zu haben. Aber mit ihren 150 PS eher an meinem unteren Limit, wenn ich mit Passagiern in den Alpen unterwegs bin.

Beide sind noch nie mit so einer "kleinen Kiste" in der Luft gewesen. Während und nach dem Start machen beide grosse Augen; und tatsächlich "es" fliegt. Die Luft ist wunderbar ruhig während wir über das schweizerische Mittelland in Richtung Berner Alpen steigen. Wir wollen über das Jungfraujoch zum Aletschgletscher und weiter ins Wallis. Ich bin nun auf ca 12'000 ft (ca 3600 m) und fliege auf's Joch zu. Ich erinnere mich, dass die Meteorolügner für diese Höhe Wind aus Westen, mit ca 25 Kts (ca 45 kmh), vorausgesagt haben. Es ist heute zwar wie Samt und Seide aber ich bin noch nicht zwischen den Bergen und ich misstraue dem Frieden. Also noch eine grooooosse Schleife geflogen um zusätzlich Höhe zu gewinnen. Und jetzt über das Joch.

Ueber das Jungfraujoch zu fliegen ist für mich immer eine grosse Genugtuung, weil die vielen Leute, die wir jetzt sehen können, alle SFr. 135.- bezahlt haben, um mit der Bahn hierher zu kommen. Das hilft mir den Mietpreis für das Flugzeug zu ertragen. Es sind sicher keine fünfzehn Sekunden vergangen seit wir das Joch überflogen haben.

W U M M M ! ! ! !

(müsste jetzt den ganzen Bildschirm füllen)

"Jetzt hat jemand einen Amboss aufs Flugzeug fallen lassen", denk ich mir. Noch zwei, drei harte Böen.

Wir sind in eine grosse Luftwalze im Lee des Berges geraten.

Von nun an ging's bergab. Und wie !!! Wenn ich meinen Instrumenten glauben darf verlieren wir rund 15 Meter Höhe pro Sekunde. Ich schiebe natürlich sofort Vollgas nach. Dies ist aber eher eine hilflose Geste, denn der Motor liefert in dieser Höhe nur gerade 55 % seiner Maximalleistung. Ich nehme die Nase des Vogels so hoch wie ich es gerade noch vertreten kann. Und wieder harte Böen. So hängen wir nun wie eine reife Pflaume in der Luft; Nase gegen den Himmel gerichtet und verlieren immer noch mehr wie 10 Meter Höhe in der Sekunde. Gleichzeitig nimmt die Geschwindigkeit rapide ab und die Stallwarnung (akustisches Warnhorn, kurz vor dem "abschmieren") beginnt mit ihrem nervtötenden getröööte. Aber nicht genug damit, jetzt fängt auf den hinteren Sitzen Madelaine in Panik an zu kreischen und zu schreien. Kurzer Blick über die rechte Schulter: sonst geht's ihr ja gut. Guido neben mir schaut wie eine hypnotisierte Schlange aufs Armaturenbrett und versteht die Welt nicht mehr.

Es hilft alles nichts; die muss Nase wieder runter nehmen bevor wir wirklich abschmieren. Und nun geht's wirklich bergab. Die Nase zeigt jetzt unter den Horizont; denn Fahrt ist das halbe Leben. ICH weiss, dass dieser Abwind ja nicht irgendwo im Boden versinkt, aber das hilft Madelaine, die den Gletscher immer näher kommen sieht, herzlich wenig. Guido hypnotisiert jetzt den Aletschgletscher und ich bin herzlich froh, dass er mir nicht etwa die Steuerung streitig macht.

Wir kommen etwa 30 Meter über dem Gletscher "raus" und sind nun auch wieder über 200 km/h schnell. Ich folge dem Gletscher noch einige Sekunden im Konturflug. Von unten schimmern die Gletscherspalten grün und blau. Dann setze ich die Geschwindigkeit wieder in Höhe um und steige langsam vom Gletscher weg. Guido ist schwer am schlucken und Madelaine flucht jetzt von hinten wie ein Pferdeknecht. Nach weiteren zwei Minuten fliegen wir wieder in ruhiger Luft und die Passagiere beruhigen sich wieder.

Die "heisse" Phase hat sicher keine Minute gedauert. Ich hatte während dieser Phase keine Zeit um mich um meine Freunde zu kümmern, hatte aber auch nicht eine Sekunde Angst. Keine Zeit dazu, ich war zu beschäftigt !

Soweit zu Wind, Wetter und Fliegen in den Alpen. Bis wir wieder zu Hause waren, dauerte es noch ca. 1 1/2 Stunden und die Paxe konnten trotzt ihres Schreckens noch etwas von der Alpenwelt sehen UND geniessen.


Author: Kurt Zumbühl, März 1990