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Ein Alpenrundflug

Letztes Wochenende war DAS Wetter für
einen Alpenrundflug !! Stabile Hochdrucklage, keine Wolken weit und
breit, mit einer Sicht von Pol zu Pol. Die Alpen waren auch noch
frisch gezuckert.
Also; am Samstag musste ich ja noch
einiges erledigen aber am Sonntag war's dann soweit.
Ich bin also auf den Flugplatz gefahren
und natürlich waren alle Flugzeuge schon in der Luft oder vermietet.
Bis auf eines. Unser Kunstflug-Trainer, die "Slingsby Firefly" war noch zu haben
(Spitfire für arme Leute; Kunststoff-Zweisitzer mit Verstellprop und
160 hp). Bereits eine Woche zuvor bin ich mit dieser
Maschine geflogen. Das erste Mal wieder, nach mehr als zwei Jahren
("Da war doch irgendwo noch ein Schalter; ja wo isser denn?").
Ich habe also vollgetankt, und bei den
Checks war mir das Cockpit, dank dem Wochenende zuvor, wieder
vertraut. Auf den Fallschirm hab ich verzichtet (ich wollt ja fliegen
und nicht raushüpfen) und so hält sich das Gewirr des Sechspunktgurtes
in Grenzen. Nachdem ich alle Checks sorgfältig durchgeführt habe,
rolle ich auf den Runway und starte sofort um die Piste für den recht
starken Verkehr wieder freizugeben.
Die "Firefly" zu fliegen ist eine Lust.
Die Steuerung geschieht über einen Steuerknüppel und nicht über ein Steuerhorn wie
bei den meisten heutigen Kleinflugzeugen. Es ist auch ein zweiter
Ladedruckregler ("Gashebel"), der mit der linken Hand zu bedienen ist,
eingebaut. Die Maschine reagiert sehr sensibel auf kleinste Bewegungen am
Steuerknüppel. Es reicht schon an eine Kurve zu denken und der Vogel
legt sich rein.

Also erst mal ganz brav weg vom Flugplatz
in Richtung Westen. Auf 4500 ft Höhe angekommen, nehme ich die
Leistung auf ca 55 % zurück und trimme die Maschine sauber aus. Jetzt
habe ich das erste mal richtig Zeit mich umzusehen. Bis auf etwa 1000
m über Grund ist eine schwache Dunstschicht, und wie immer, hat die Luft
die ungesunde Farbe einer Mehlsuppe; gelbbraun. Aber hier oben ist die
Sicht phantastisch. Es gibt selten Tage, an denen man so weit sehen
kann. Die Sichtweite wird praktisch nur von der Erdkrümmung
beschränkt. Das Schweizer Mittelland ist noch grün und liegt zu meiner
Linken. Dahinter erheben sich die frisch verschneiten Alpen im
gleissenden Sonnenlicht.
Ich bin unterdessen über Olten angekommen
und bin nun in meiner Flughöhe nicht mehr beschränkt. Also kurz mal
schauen ob man mit dieser Maschine "wirklich" fliegen kann. Einmal mit
90° bank (Flügel senkrecht) links rum, -dann wieder rechts rum und
ziehen bis das Stall-Horn zu quäken beginnt. Alles mit 55% Leistung.
Dann die Kiste noch auf den Kopf gestellt, um wieder etwas
Geschwindigkeit zu holen, und dann wieder ganz moderat geradeaus; ja, alles
so, wie es sein muss.
Ich drehe jetzt auf die Alpen zu und nehme
mir den Pilatus bei Luzern als Fixpunkt. Während ich über's Mittelland
fliege, sehe ich links von mir, in etwa 5 Kilometer Entfernung, und
etwas unterhalb meiner Flughöhe, einen Ballon. Ich habe ja alle Zeit
auf dieser Welt und mache daher meinen berühmt-berüchtigten Abschwung.
Ich umkreise den Ballon etwas tiefer in einer Entfernung von ca. 100
Metern. Die strebenlose Plexiglas-Kanzel gewährt eine ganz hervorragende
Sicht und ich winke den Balloninsassen zu. Die Passagiere winken wie
wild zurück, so dass ich es mit der Angst zutun kriege, sie könnten in
ihrem Taumel aus dem Korb fallen.
Ich habe jeweils etwas Hemmungen mich
einem Ballon zu nähern, weil ich weiss, dass die absolute Ruhe in so
einem Ballonkorb ein ganz wichtiges Element des Erlebens ist. Ich bin
aber immer wieder ganz enthusiastisch begrüsst worden. Wahrscheinlich
ist das die Freude, jemand anderem in diesem grossen Luftmeer zu
begegnen, zu wissen, dass man dieses Gelöstsein von der Erde mit
jemandem in einem anderen Luftfahrzeug teilt.
Ich wende mich vom Ballon ab und halte
wieder auf den Pilatus zu. Ich setze volle Leistung und nehme die Nase
hoch, denn der Pilatus ist mehr wie 2000 Meter hoch. Dass ich mit rund
7 m/sek in die Höhe steige, merke ich auch am Überdruck in meinen
Ohren.
Auf der Gipfelhöhe des Pilatus angekommen,
mache ich eine grossräumige Schleife um dem Gipfelgrad entlangfliegen
zu können. Für einen so bemerkenswert schönen Tag sind erstaunlich
wenig Leute auf dem Plateau des Gipfelrestaurants. Ich wende mich nun
wieder in südlicher Richtung dem Gotthardmassiv zu. Links von mir
liegt nun der Vierwaldstättersee; es muss windstill sein knapp 2000
Meter tiefer, denn die schneebedeckten Gipfel spiegeln sich im grünen
Wasser. Obwohl ich ja recht hoch über der Erde bin, sehe ich die
unglaublichen Schäden die die letzten Stürme in der Innerschweiz
angerichtet haben. Ganze Bergflanken sind vom Wald entblösst. Die
Stämme liegen kreuz und quer und bieten den Gemeinden in den Tälern im
Winter nun keinen Schutz mehr vor Lawinen. Was müssen hier für Kräfte
gewütet haben.
Die Gegend hier ist auf der Karte als
"Kabelverseucht" vermerkt und so halte ich mich von den Bergen fern.
Ich muss sowieso noch rund tausend Meter an Höhe gewinnen. Das Tal hat
keinen anderen Ausgang und die Berge am Ende des Tales sind mehr als
3000 Meter hoch.
Jetzt ist die gesamte Umgebung gleissend
weiss. Ich befinde mich jetzt in der "Schweizer Wüste". Schnee, Eis,
riesige Schneefelder und senkrechte Felswände. Ich muss am Ende des
Tales noch eine grosse Schleife fliegen um die Höhe zu gewinnen, die
nötig ist, um die Grate des Titlis zu überfliegen. Ich fliege den
verschiedenen Graten entlang, manchmal zwischen Felstürmen und
Felsnadeln hindurch. Die Luft ist ruhig und nur wenn ich den Felsen
wirklich nahe komme, schütteln mich manchmal ganz sanft ein paar
Turbulenzen.
Die Faszination die von dieser riesigen
Kulisse aus Fels, Eis und Schnee ausgeht, ist schwer in Worte zu
fassen. Tiefblauer Himmel, Giganten in einem beinahe unnatürlichen
Weiss, die grünen Gletscherspalten und die unbegrenzte Sicht auf
weitere Bergriesen, sind von unglaublicher Schönheit. Obwohl ich mich
mit rund zweihundert Stundenkilometern durch die grossartige Kulisse
bewege, kommt es mir vor, als sei ich ein kleiner Käfer, der kaum vom
Fleck kommt. Nur wenn ich mich den Bergriesen nähere wird die
Geschwindigkeit wieder sichtbar.
So schön diese Wüste auch ist, so tödlich
ist sie auch. Die Kälte spüre ich in meinem beheizten Cockpit nicht,
aber ich sehe die Felszacken, die wie urweltliche Raubtiergebisse nur
darauf zu warten scheinen, einen kleinen übermütigen Menschen in die
Schranken zu weisen.
Ich fliege nun auf Andermatt zu. Im Tal,
das zum Gotthard führt, herrscht Luft-Verkehr wie auf der Autobahn
Bern - Zürich zur Stosszeit. Fehlt bloss noch der Stau am Himmel. Ich
verlasse dieses Gewimmel blitzartig in Richtung Klausenpass. Es
berührt mich schon beinahe unangenehm, nachdem ich aus der grossen
Einsamkeit der Bergwelt gekommen bin. Ganz zu schweigen davon, dass
ich mich mit meinem weissen Flitzer kaum vom weissen Hintergrund der
Berge abhebe. Ich entscheide mich dann doch gegen den Klausen- aber
für den Pragel-Pass. So komme ich langsam wieder in tiefere Regionen
und der Schnee bleibt langsam zurück. Ich verwandle die mir
verbleibende Höhe mit einem gestreckten Sinkflug über das Mittelland,
in etwas Geschwindigkeit.
Nach ziemlich genau eineinhalb Stunden bin
ich wieder zurück auf dem Flugplatz. Hunderte von Sonntagsausflüglern
bevölkern den Platz. Flugzeuge schauen. Ich gehe ins C-Büro, mache
meinen Schreibkram, und sehe zu, dass ich von diesen Menschenmassen
wegkomme.
Eine Stunde später lege ich mich hin, und
mache ein Nickerchen. Den Tribut meines Körpers auf den
Höhenunterschied.
Author: Kurt Zumbühl, März 1990
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